Mit dem Begriff Langzeitbelichtung verbindet man in erster Linie Nachtaufnahmen, die zwingend vom vom Stativ aus gemacht werden müssen. Beispielsweise zeigen sie rotierende Sternenhimmel, die Lichtstreifen eiligen Stadtverkehrs oder lebendig fließendes Wasser in der Dämmerung. Manchen Fotografen gelingt es damit, tiefe Stille auszudrücken. Ich versuche stattdessen den den ganz alltäglichen Stress und Zeitdruck zu visualisieren. So, als soll gesagt werden: »Hey, Leute, schaut mal, so heftig legen wir uns für euch ins Zeug!«

Ohne die Geduld zu verlieren

Die weiterentwickelte Kameratechnik, aber auch die heutigen Möglichkeiten digitaler Bildverarbeitung, laden ein zu experimentieren. Mit analogen Kameras war es einfach nicht möglich, derart tief in diese Materie einzusteigen, ohne die Geduld zu verlieren.

Der Reiz unkalkulierbarer Zufälligkeiten

Mit Belichtungszeiten ab einer zehntel Sekunde oder länger zu arbeiten, finde ich deswegen so spannend, weil immer wieder Überraschendes dabei herauskommt.

Freistellen durch Zeit

Das durch Tiefenunschärfe freigestellte Motiv ist ein typisches Merkmal professioneller Fotoaufnahmen. Dazu benötigt man lichtstarke Objektive, deren Blende man möglichst offen nutzt.

Bei einer Slow-Shutter-Speed-Aufnahme ist es der Faktor Zeit, der diese Aufgabe übernimmt. Wenn die Kamera einem bewegten Motiv folgt, verschwimmt seine Umgebung — wenn man das möchte — bis zur Unkenntlichkeit. Abgesehen von der Wahl der passenden Belichtungszeit hängt der Erfolg wesentlich davon ab, wie exakt es dem Fotografen gelingt, den bildwichtigsten Teil des Motivs während der Belichtung im Fokus zu halten. Welcher das ist, hängt vom Zweck der Aufnahme ab. Die Art des Gegenstandes, seine Veränderung während der Bewegung, die Geschwindigkeit, mit der er sich bewegt, seine Größe, der Abstand der Kamera dazu, die genutzte Brennweite und auf welche Weise die Kamera mitbewegt wird, haben ebenfalls gestaltenden Einfluss.

Natürlich professionalisiert man sich zunehmend und versucht Störfaktoren weitgehend auszuschließen, doch auch unter idealen Bedingungen, bleiben von hundert Aufnahmen nur annähernd zehn Prozent übrig, die in die engere Wahl kommen. Und diese Wahl ist Geschmackssache. Schließlich weichen solche Fotos völlig von dem ab, was wir landläufig unter dem Begriff »gelungen« einsortieren würden.

Zeitdruck als Frottage

Bewegt man also die Kamera während einer sehr langen Belichtungszeit, entsteht das, was ich Frottage aus Zeit nenne. Ich stelle mir vor, auf der Bildebene würde der Abrieb eines Ereignisses erzeugt; vielleicht nur Fragmente davon. Möglicherweise zeigt die Aufnahme ein und dasselbe Motiv in mehreren Zuständen und Perspektiven. Man kann sich fragen, was das soll, oder man erklärt es seiner Originalität oder Kuriosität wegen zum Kunstwerk. Schließlich reichen die resultierenden Verfremdungen bis ins Abstrakte. Ein Zustand, der dem Betrachter weiten Raum zur Interpretation lässt, – wenn er das möchte.

Kreativer Spielraum

Ich zumindest mag das. Diese Technik erzeugt etwas Besonderes, Einmaliges, etwas, das den Betrachter zweimal hinschauen lässt. Es holt ihn aus der banalen Wirklichkeit. Der Effekt ist über die Belichtungszeit skalierbar. Er reicht von sachlichen, lediglich emotional betonten Ereignisaufnahmen, bis zur vollständigen Auflösung der Realität ins Malerische. Das nenne ich dann fotografischen Impressionismus.

Bewegungsunschärfe

Eine bewegte Kamera, besonders, wenn sie frei Hand genutzt wird, liefert letztendlich nie hundertprozentige Schärfe. Das »Verwackeln« fällt bei ausreichend kurzen Belichtungszeiten lediglich nicht auf. Umgekehrt ist eine gelungene Slow-Shutter-Speed-Aufnahme beileibe nicht unscharf. Der Begriff „Bewegungsunschärfe“, ist deshalb in meinen Augen irreführend. Gerade solche Aufnahmen reagieren selbst bei hohen Blendenwerten sehr empfindlich auf den Verlust der optimalen Schärfezone. Auf mitgezogenen Aufnahmen gibt es nämlich noch ein weiteres Zentrum: das Bewegungszentrum. Das ist der kreisförmige Bereich, auf dem sich zwischen Kamera und Objekt die größte Synchronizität abbildet, und wo idealerweise auch der bildwichtigste Bereich des Motivs liegen sollte.

Das Zentrum der Bewegung

In diesem Bewegungszentrum sind Details je nach Aufnahmebedingung ausreichend klar zu erkennen. Gesichter etwa, oder aber Logos, Bildzeichen und Beschriftungen. Eine Eigenschaft, die diese Kunstform meines Erachtens für Werbung und Public Relations interessanter macht, als es offenbar angenommen wird.

Ich stelle mir rasende Planierraupen vor, entschlossen im Erdreich wühlende Bagger, hastig umher wuselnde Gabelstapler, hetzende Büroangestellte, den lebhaften Bienenstock an der Börse arbeitender Broker, Boxer beim Training, Feuerwehrleute, Sanitäter, Polizisten, jede Art von Botendiensten im Einsatz, abhebende Hubschrauber und Ähnliches mehr. Sport, Spaß, Spiel, Spannung. Dort, wo die Action ist, wo sich etwas tut, dort wird es für diese Art Fotografie interessant. Vorausgesetzt, es gibt eine sichtbare statische Umgebung, von der sich das Motiv durch Bewegung absetzen kann.

Mut zum Unkonventionellen?

Wo sind die Unternehmen, die Werbeagenturen, die Auftraggeber, die den Mut haben, sich auf diese selten genutzte Spielart der Fotografie und ihre spannenden Anmutungen einzulassen? Schärft nicht die Ausblendung von Details den Blick aufs Wesentliche? Beispielsweise auf die Dynamik dessen, was passiert? Ich kann das Ergebnis in verhalten pastellne Töne tauchen oder bunt und plakativ gestalten. Ich kann es hart abziehen, streng schwarzweiß lithografisch, je nach Zweck, Anspruch, Stimmung, Thema oder Produkt. In jedem Fall werden die Bilder anders ausfallen als gewohnt, seltsam vielleicht, schräg, aber auf unvergleichliche Art lebendig. Das ist ihr eigentliches Plus.

Mechatronik: Die Ästhetik des Maschinellen